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3/27/2010

„ICH ÜBER MICH“


Autobiographisches von Karlwilli Damm

Ich wurde am 8. November 1908 zu Kassel geboren, wo ich mich auch die längste Zeit meines bisherigen Lebens aufhielt und wirkte.

Nach dem Abitur studierte ich in meiner Heimatstadt Pädagokik und wurde Volksschullehrer. Im Konflikt mit den Nazis wurde ich 1935 an den entlegensten Ort des Rheinlandes, nach Elten, versetzt. Als Soldat war ich die längste Zeit in Rußland. Mitten im Krieg heiratete ich. In dieser Ehe wurden mir 2 Söhne und eine Tochter geschenkt, die alle den Lehrerberuf wählten.

Nach dem Kriege baute ich ein neues Leben auf. Meine ganze freie Zeit stand unter zwei Aspekten: Zum einen Mal betätigte ich mich in führender Position genealogisch und heraldisch. (Unter meinen vielen Forschungsarbeiten verdient besondere Erwähnung die Publikation der „Hessischen Ahnen des Bundespräsidenten Dr. Heinemann“, die seine besondere Anerkennung fand.)

Zum anderen suchte ich nach praktischen Wegen neuer Lebensreform. Mit 16 Jahren hatte ich bereits aus eigenem Entschluß den Weg zur Freikörperkultur gefunden. Ich stand damals mitten in der Pubertät und interessierte mich verständlicherweise für alles, was mit dem Leiblichen in Verbindung stand, besonders aber, was mit dem Nackttabu, unter dem ich erzogen ward, zusammenhing. Auf meinem Schulweg kreuzte ich täglich eine stadtbekannte Buchhandlung, die von ihren vielen Schaufenstern eines ganz allein für Nacktkulturwerbung bereithielt. Damals wurden aber auch Fkk-Zeitschriften an jedem Kiosk feilgeboten. Es brauchte seine geraume Zeit, bis ich den Mut fand, den Laden zu betreten und das erste Heft „Licht-Land“ und „Lachendes Leben“ zu erstehen. Ich war vom Inhalt fasziniert, sodaß ich im Leufe der Zeit weitere und auch andere Ausgaben erwarb, die dann den Grundstock meiner umfassenden Fkk-Bibliothek bildeten. Es blieb nicht bei theoretischen Auseinandersetzungen mit der Fkk-Lektüre, 1925 trat ich Fedor Fuchs „Nacktsportscharen“ bei und nach Gründung der „Liga für freie Lebensgestaltung“ wurde ich dort Mitglied. Um diese Zeit gab es in Kassel ein verlorenes Häufchen hier und da Organisierter, wie im RFK, im AFK und im „Treubund“, aber ohne Gelände. Nur sporadischer Besuch des Naturheilbades und gelegentliches Sonnenbaden im Walde, wo die Freude der Angst entdeckt zu werden die Waage hielt, war möglich. So konnte sich kein Fkk-Leben entwickeln. Da Elan immer meine Stärke gewesen, versuchte ich 1932 die Trüppchen unter einen Hut zu bringen, eine Arbeitsgemeinschaft zu bilden, um geeint ein Gelände zu verwirklichen. Es wurde nichts daraus. Wir wurden bald darauf (1933) verboten und ich machte Bekanntschaft mit der Polizei. Da ich auch hinsichtlich meiner politischen Einstellung mit den neuen Machthabern im Konflikt lag, wurde ich als jnnger Lehrer an die holländische Grenze versetzt, wo ich in einer einklassigen Schule mein Dasein fristen durfte. Aus dem Drang hier wieder wegzukommen, versuchte ich dies durch Leistung, nicht durch politische Wandlung, was mir tatsächlich 1939 gelang. Ich kehrte nach Kassel zurück, um aber alsbald als Soldat einzurücken und sechs Jahre wieder fern zu sein und total ausgebombt glücklich heimzukehren.

Dem Leben zurückgegeben, folgte ich spontan dem ersten Aufruf Erhard Wächtlers und stellte mich der Neuformierung des deutschen Fkk-Lebens ganz zur Verfügung. Was ihm versagt blieb, konnte ich erreichen: die Gründung eines neuen Fkk-Verbandes, dem ich Namen und Emblem verlieh. Das war 1949, und ich wurde sein erster Präsident. Was mich immer peinlich berührte, war der Umstand, daß mit der eben errungenen Einigkeit, sofort auch der Streit begann. Ja, dieser Streit stand Pate bei den vorhergegangenen Organisationen, und er erhielt sich mit einer Beständigkeit bis auf den heutigen Tag. Immer liegt einer mit einem anderen in Fehde, und das erträumte Fkk-Paradies rückte in erdenbeschwerte Ferne. Ich war an den Streitigkeiten beteiligt und, mehr noch, von ihnen betroffen. Das ungeachtet, nahm ich im „DFK“ Führungspositionen ein, war Kassenrevisor, half bei der Bildung neuer Ortsvereine, gründete die eigenständige DFK-Versicherung, die bis in die 60er Jahre segensreich wirkte. Es trieb mich zur FKK-Jugendarbeit, und ich wurde Bundesführer der Fkk-Jugend und blieb es fünf Jahre lang. Es war die Hochblüte der Lichtscharen und die Zeit großer internationaler Zeltlager, wie in Wien (1954), Hannover (1956) und Bedford in England – zu den INF-Welttreffen. Es war eine dankbare Schaffenszeit, die Fkk-Jugendpresse begann sich zu mausern und beachtet zu werden. Der Streit mit der damaligen DFK-Führung fehlte ebenso wenig wie heute. Er war letzten Endes immer produktiv.

Heute wundere ich mich, wo ich die Energie und Zeit hernahm. Denn ich betätigte mich als Leiter einer von mir ins Leben gerufenen Arbeitsgemeinschaft der Fkk-Lehrer und Fkk-Erzieher und redigierte ein pädagogisches Fachorgan, den „Erzieher von morgen“, das erst im Widerstreit mit Dr. Lothar Wilhelm eingestellt werden mußte.

Da ich viel herumkam, im In- und Ausland, lernte ich viele Fkk-Publikationen kennen, erwarb und sammelte sie, um sie in einer in der Welt einmaligen Form als „Internationale Fkk-Bibliothek (IFB)“ zu erstellen, zu erhalten und noch heute weiter auszubauen. Ihre Bedeutung dürfte nicht mehr angezweifelt werden. (Bekanntlich hat das Präsidium der INF, nach Prüfung der Gegebenheiten, Karlwilli Damm die Führung des obigen Titels seiner Bücherei zugestanden- Red.).

Nach diesen Erfolgen kam der plötzliche Sturz bis in die Fkk-Emigration. Neben Adolf Koch wurde ich zum Fkk-Feind Nr. 1 gestempelt. Und das kam so! Als Skorpiongeborener habe ich den Hang und den Mut zur offenen Kritik, der berechtigten, nicht der nörgelnden. Ich publizierte Aufsätze in den deutschen und ausländischen Fkk-Zeitschriften. Ich redete nicht um die Sache herum, ich schrieb ohne diplomatische Verfeinerung gerade heraus, wie ich dacht. Ich gebe zu, das war mein Fehler. Durch meine kritische Beleuchtung der Geschäftsgebarung des DFK-Vorsitzenden Dr. W. kam ich in seine Abschußlinie, die mich mi taller Härte treffen sollte, obwohl man heute weiß, daß meine Kritik richtig lag. Ein günstiger Gegnern entgegen. Just, als ich als fortschrifttlicher Pädagoge nichts dabei fand, auf einem Schulausflug die Jungen meiner Klasse, die es bei meinem Turnunterricht gewohnt waren, nackt zu duschen, an einer abgelegenen Kneippanlage nackt ihr Morgenbad zu nehmen, und es filmte und spatter in der Klasse vorführte, erfuhr dies ein katholischer Priester und mobilisierte die Junge Union. Diese wollte hieraus Kapital schlagen, die Regierung als meine vorgesetzte Behörde, wollte herunterspielen. Da tritt die DFK-Führung auf den Plan und, statt mir Rechtsschutz und Schützenhilfe zu gewähren, läßt sie ihre, der Jungen Union gegenüber wohlwollende Haltung erkennen. Auf solch verwerfliche Weise wird sie ihren Kritiker billig los. Übrigens eine Taktik, die auch an anderen Objekten geübt wurde. Ich erinnere nur an die vor Gericht praktizierte Haltung gegenüber den Fkk-Zeitschriften. Sie geht noch ein Stück weiter und erklärt mich in einer a.o. Hauptversammlung in Hannover zur persona non grata. Ich liege nun im offenen Beschuß der Jungen Union und des DFK. Meine Existenz ist gefährdet. Wie kann ich die Gefahr bannen? Ein langjähriges Halsleiden und eine eben erst äberstandene Heilkur sind meine Rettung. Ich lasse mich krankheitshalber in den Ruhestand versetzen und entgehe damit der strafweisen Entlassung.

Mein örtlicher Fkk-Verein wird durch Hannover intensiv unter Druck gesetzt und bringt es fertig, mich, seinen Ehrenvorsitzenden auszuschließen – um es in einem von mir angestrengten Prozeß zurücknehmen zu müssen. Ich gehe endgültig in die Fkk-Emigration, nutze aber die Zeit zum tatkräftigen weiteren Ausbau meiner IFB.

Heute, nach 10 Jahren, seit dieser großten Enttätschung meines Lebens, lächle ich darüber, was mir damals die Welt einstürzen lassen wollte. Es hat mir 10 gewonnene Lebensjahre geschenkt, in denen ich ganz nach meiner Fasson selig werden konnte. Ich stehe wieder in meinem Beruf in Dienst, habe soeben ein eigenes Grundstück erworben, ein ungestörtes Fleckchen Erde, das ich im Fkk-Geiste mit Spielplatz, Camping u.s.w. auch meinen gebliebenen Freunden zur Verfügung stellen kann. Ich bin wieder in den Kreis der Fkk-Bewegung aufgenommen. Und am 8. November 1973 begehe ich meinen 65. Geburtstag wozu dieser ausführlichte Bericht Gelegenheit gibt.

DAS GYMNASION meint: Wir sind überzeugt, daß dieser „Blick“ auf das eigene Leben“, den unser getreuer Mitarbeiter Kw. Damm dismal –statt seines gewohnten „Blicksins deutsche Fkk-Schrifftum“– tut, unsere Leser interessieren wird. Obwohl das 65.Lebensjahr von unserer höhenen Rückschau aus noch lange kein ehrwürdiges Alter bedeutet, benützen doch auch wir gerne die Gelegenheit, unserem lieben Mitarbeiter zu seinem eigenem Grund und Boden zu gratulieren und ihm weitere Spannkraft für seine ideellen Taten und Einsätze zugunsten der auch vom GYMNASION vertretenen „echten“ naturistischen Bewegung zu wü nschen. Da wir nicht abergläubisch sind, können wir dies schon vor demuß. 11. tun. RE

1 comments:

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